Ein einzelner Hund wandert einen herbstlichen, laubbedeckten Waldweg entlang in dichten Nebel hinein
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Song ist nicht Entspannung

Eine Annäherung an Song: Durchlässigkeit statt Entspannung, Form statt Beliebigkeit – und warum wir Song nicht machen, sondern zunehmend aufhören, ihn zu verhindern.

Im Zen gibt es eine alte Warnung des Meisters Mumon:

„Den Regeln und Vorschriften zu folgen heißt, sich selbst zu fesseln, ohne dass es überhaupt eines Seiles bedarf. Frei und ohne jede Beschränkung zu handeln, ist der Weg der Häretiker.“

Genpo Roshi, Dennis Merzel, hat diesen Satz vor Kurzem aufgegriffen und darüber geschrieben, wie sehr er in seinem Leben die Freiheit betont habe: spontan zu sein, sich nicht von Regeln und Konventionen binden zu lassen und bereit zu sein, Vorgegebenes infrage zu stellen. Und wie er nun, mit zweiundachtzig Jahren, noch einmal etwas entdeckt, das eigentlich die ganze Zeit vor ihm lag: Auch an unserem Bedürfnis, frei zu sein, können wir uns festhalten.

Dieser Gedanke hat mich unmittelbar an unsere Taiji-Praxis erinnert. Denn auch dort bewegen wir uns ständig in diesem eigentümlichen Raum zwischen Form und Freiheit, zwischen notwendiger Struktur und unnötigem Festhalten. Besonders deutlich wird das an einem kleinen Wort, das im Taiji immer wieder auftaucht und gleichzeitig erstaunlich leicht missverstanden werden kann: Song.

Song ist nicht Entspannung

Wenn wir Song erklären, greifen wir häufig auf das deutsche Wort „Entspannung“ zurück. Das ist verständlich, führt aber schnell in die falsche Richtung, denn Entspannung verbinden wir in unserer Alltagssprache häufig mit Loslassen, Lockerwerden oder sogar damit, überhaupt keine Spannung mehr zu haben. Wer sich entspannt, legt sich aufs Sofa. Im ungünstigeren Fall legt sich beim Taiji gleich der ganze Körper innerlich aufs Sofa, obwohl er äußerlich noch steht.

Das ist mit Song nicht gemeint.

Song beschreibt für mich vielmehr eine Durchlässigkeit, in der der Körper genau die Spannung aufrechterhält, die er für seine Struktur benötigt, aber auf all das verzichtet, was darüber hinausgeht. Man könnte deshalb von einer adäquaten Spannung sprechen: nicht möglichst wenig Spannung, sondern genau so viel, wie in diesem Moment gebraucht wird.

Damit bleibt auch etwas Aktives erhalten. Der Körper hat einen Grundtonus, er richtet sich auf, er verbindet sich, Gewicht wird aufgenommen und weitergegeben. Gleichzeitig soll diese Struktur aber möglichst wenig zusätzlich festgehalten werden. Schon die Formulierung „Ich halte meine Struktur“ ist deshalb ein wenig verdächtig, denn im günstigsten Fall ist die Organisation des Körpers so gut, dass die Struktur sich zunehmend selbst trägt.

Die Knochen übernehmen, was Knochen übernehmen können, die Gelenke bleiben durchlässig und die Muskulatur tut ihre Arbeit, ohne überall noch ein wenig Sicherheitsspannung draufzulegen – nur für den Fall, dass das Universum plötzlich beschließt, uns von der Seite anzuschubsen.

Vielleicht gefällt mir deshalb für Song das deutsche „Seinlassen“ inzwischen besser als „Loslassen“.

Loslassen klingt schnell danach, als müsse ich etwas aktiv fallen lassen. Seinlassen geht einen Schritt weiter. Ich lasse den Körper nicht einfach locker, sondern gebe ihm die Möglichkeit, sich in seiner Struktur zu organisieren, ohne mich ständig einzumischen. Das Schwere kann nach unten sinken, das Leichte nach oben steigen, die Gelenke können offen bleiben und die Verbindung durch den Körper kann bestehen, ohne dass ich sie mit zusätzlicher Kraft sichern muss.

Das hört sich zunächst recht einfach an.

Und genau da beginnt das Problem.

Jetzt muss ich aber endlich durchlässig werden

Kaum haben wir verstanden, dass Song etwas mit Durchlässigkeit zu tun hat, macht unser Geist daraus zuverlässig eine neue Aufgabe. Die Schultern sollen sinken, der Brustkorb soll sich lösen, das Becken soll durchlässiger werden, das Schwere nach unten und das Leichte nach oben gehen. Und während wir all diese guten Taiji-Anweisungen gewissenhaft abarbeiten, entsteht irgendwann ein Mensch, der mit großer Konzentration versucht, möglichst natürlich zu sein.

Das ist ein wunderbarer Anblick.

Vor allem für den Lehrer.

Denn man sieht manchmal regelrecht, wie viel Kraft jemand gerade dafür aufwendet, keine Kraft aufzuwenden.

Aus der Einladung zur Durchlässigkeit ist unmerklich die Forderung geworden: „Ich muss jetzt durchlässig sein.“ Und genau in diesem Augenblick beginnen wir wieder, etwas herzustellen. Wir greifen ein, korrigieren, kontrollieren und versuchen, Song zu produzieren.

Damit geraten wir in ein ähnliches Paradox wie beim Einschlafen. Wir können sehr viel dafür tun, dass Schlaf möglich wird. Wir können das Licht ausschalten, das Telefon weglegen, uns hinlegen und zur Ruhe kommen. Was wir allerdings nicht besonders gut können, ist uns um 22:37 Uhr den Auftrag zu geben: „So, jetzt schlafe ich.“ Meistens meldet sich dann gegen 22:39 Uhr jemand im Kopf zurück und fragt, warum es eigentlich noch nicht funktioniert.

Mit Song ist es ähnlich.

Wir können Bedingungen schaffen, unter denen Song entstehen kann. Wir können unsere Ausrichtung verbessern, unnötige muskuläre Aktivität wahrnehmen, Gelenke freier werden lassen und eine Verbindung zwischen oben und unten entstehen lassen. Wir können beobachten, an welchen Stellen wir gewohnheitsmäßig festhalten oder gegen eine Kraft arbeiten. All das ist durchaus aktiv und verlangt Aufmerksamkeit.

Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem weiteres Tun nicht weiterhilft.

Vielleicht lässt sich das so sagen: Song ist nicht die Abwesenheit von Spannung, sondern die Abwesenheit unnötiger Spannung innerhalb einer lebendigen Struktur.

Und damit bekommt auch ein Satz, den ich sehr mag, seinen eigentlichen Sinn:

Wir machen Song nicht. Wir hören zunehmend auf, Song zu verhindern.

Das bedeutet nicht, dass der Körper passiv wird. Im Gegenteil. Er bleibt wach, verbunden und tragfähig. Nur die zusätzliche Anstrengung darf verschwinden.

Der Bambus ist dafür ein schönes Bild. Er steht nicht deshalb aufrecht, weil er sich den ganzen Tag ermahnt, Haltung zu bewahren. Seine Struktur trägt ihn. Gerade deshalb kann er im Wind nachgeben, ohne zusammenzufallen.

Wenn Form Freiheit ermöglichen soll

Damit kommen wir zurück zu Mumon. Wenn das Festhalten an Regeln uns fesseln kann, könnte man schließlich fragen, warum wir im Taiji überhaupt so viel Zeit damit verbringen, Formen zu lernen. Warum üben wir über Jahre dieselben Bewegungen, korrigieren Fußstellungen, beschäftigen uns mit Peng, Zentrum, Sinken und Steigen und versuchen manchmal mit erstaunlicher Ausdauer herauszufinden, ob ein Fuß nun drei Zentimeter weiter nach links gehört?

Warum bewegen wir uns nicht einfach frei?

Weil Beliebigkeit noch keine Freiheit ist.

Ein Fluss braucht Ufer, damit er fließen kann. Das Ufer macht das Wasser nicht unfrei, sondern gibt seiner Bewegung eine Richtung. Ähnlich funktioniert für mich die Form. Gerade am Anfang gibt sie uns Orientierung. Sie macht sichtbar und spürbar, wo eine Verbindung entsteht und wo sie verloren geht, wo wir die Schulter heben, wo wir gegen eine Kraft arbeiten oder wo eine Bewegung plötzlich nur noch aus dem Arm kommt, obwohl eigentlich der ganze Körper beteiligt sein könnte.

Wir brauchen diese Form. Wir lernen sie, wiederholen sie und lassen uns darin korrigieren. Doch mit zunehmender Übung sollte etwas Interessantes geschehen: Die Form wird nicht immer enger, sondern immer tiefer. Was zunächst wie eine äußere Vorschrift erlebt wird, beginnt sich im Körper zu organisieren.

Irgendwann steht die Form nicht mehr vor uns und sagt uns, was wir tun sollen.

Sie ist in uns angekommen.

Wenn beim Push Hands die Antwort schon feststeht

Im Tuishou, im Push Hands, wird das besonders deutlich. Zu Beginn lernen wir bestimmte Situationen und Möglichkeiten des Antwortens. Eine Kraft kommt, wir neutralisieren sie, drehen, sinken, leiten um oder geben sie weiter. Das ist notwendig, denn ohne dieses Lernen hätten wir keine Sprache, in der später ein freies Gespräch entstehen könnte.

Doch irgendwann lauert genau darin eine Falle.

Der Partner gibt einen Impuls, und noch bevor wir wirklich wahrgenommen haben, was geschieht, meldet sich unser Taiji-Gedächtnis: „Ah, das kenne ich. Darauf macht man dieses.“

Vielleicht führen wir dann sogar eine technisch ausgesprochen schöne Bewegung aus. Nur hat sie womöglich mit dem Menschen vor uns gar nicht mehr besonders viel zu tun.

Dann beantworten wir nicht mehr unseren Partner.

Wir beantworten unsere Erinnerung.

Und plötzlich steht zwischen uns und dem anderen genau das, was uns ursprünglich helfen sollte: unsere gelernte Technik.

Hier wird Mumons Warnung für mich sehr konkret. Wenn wir nur noch einer Regel folgen, bindet uns die Regel, obwohl weit und breit kein Seil zu sehen ist.

Natürlich wäre die Lösung nun nicht, einfach sämtliche Technik über Bord zu werfen und „frei“ zu pushen. Denn auch das kennen wir: Man folgt angeblich spontan dem Augenblick und stellt nach einiger Zeit fest, dass man vor allem sehr spontan seine alten Gewohnheiten wiederholt.

Freiheit bedeutet im Taiji deshalb nicht, dass die Prinzipien verschwinden. Sie bedeutet vielmehr, dass sie so tief in der eigenen Bewegung angekommen sind, dass wir nicht mehr ständig über sie nachdenken müssen.

Wenn die Form unsichtbar wird

Ein Musiker denkt während eines Konzerts nicht bei jedem Ton darüber nach, welcher Finger als Nächstes an der Reihe ist. Trotzdem hat er Tonleitern geübt, wahrscheinlich mehr, als ihm lieb war. Das Üben verschwindet nicht; es wird zu einem Teil seiner Möglichkeiten.

So verstehe ich auch den Weg im Taiji.

Zunächst lernen wir die Form und versuchen, ihre äußere Gestalt zu verstehen. Mit der Zeit entdecken wir die Prinzipien innerhalb dieser Form, und irgendwann beginnen diese Prinzipien in unserem Körper wirksam zu werden, ohne dass wir sie ständig bewusst herstellen müssen.

Im Push Hands kann dann etwas anderes entstehen. Statt sofort nach der passenden Technik zu suchen, können wir zunächst hören, spüren und aufnehmen. Wir bleiben durchlässig, lassen sinken oder steigen, geben Raum, folgen, füllen oder leeren. Vielleicht entsteht daraus Peng, vielleicht Lu, vielleicht etwas, das in diesem Augenblick gar keinen Namen braucht.

Die Antwort wird nicht aus einem Katalog abgerufen.

Sie entsteht aus der Beziehung.

Und vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen Song und Freiheit.

Weniger Aufwand, nicht weniger Struktur

Song bedeutet also nicht, dass Struktur verschwindet. Vielmehr entsteht eine Struktur, die immer weniger zusätzlichen Aufwand benötigt. Das Wasser ist weich und hat dennoch Gewicht. Bambus kann nachgeben und steht trotzdem aufrecht. Der Körper kann durchlässig sein und gleichzeitig verbunden bleiben.

Das Schwere darf sinken, während das Leichte steigt. Oben entsteht Weite, unten entsteht Verwurzelung, und dazwischen organisiert sich der Körper so, dass wir ihn nicht bei jeder Bewegung persönlich beaufsichtigen müssen.

Vielleicht ist das für mich im Augenblick die treffendste Formulierung:

Song heißt nicht weniger Struktur, sondern weniger Aufwand für Struktur.

Die notwendige Aktivität bleibt, während das Überflüssige zunehmend verschwinden darf. Darin unterscheidet sich das Seinlassen vom bloßen Loslassen. Ich lasse meinen Körper nicht einfach fallen, sondern gebe ihm die Möglichkeit, seine eigene Ordnung zu finden.

Das klingt nach weniger Tun, verlangt aber erstaunlich viel Übung. Denn Machen können wir Menschen ausgesprochen gut. Selbst aus dem Nichtmachen können wir innerhalb kürzester Zeit ein ambitioniertes Trainingsprogramm entwickeln.

Freiheit braucht Form – und Form braucht Freiheit

Damit komme ich wieder zu Genpos Text.

Wahre Freiheit ist vielleicht gar nicht das Gegenteil von Bindung. Sie entsteht vielmehr in einem lebendigen Verhältnis zu ihr. Die Form gibt uns zunächst Orientierung, aber sie darf nicht zum Gefängnis werden. Freiheit eröffnet Möglichkeiten, aber sie darf nicht in Beliebigkeit zerfallen.

Taiji bewegt sich genau zwischen diesen Polen. Sinken und Steigen gehören zusammen, ebenso Leere und Fülle, Öffnen und Schließen, Folgen und Führen, Stabilität und Beweglichkeit. Und vielleicht gehören auch Form und Freiheit auf diese Weise zusammen.

Noch einmal hilft mir dabei das Bild des Flusses.

Am Anfang beschäftigen wir uns viel mit den Ufern. Wir lernen die Form, suchen Orientierung und versuchen, nicht ständig irgendwo über die Böschung zu laufen. Mit der Zeit nehmen wir immer stärker das Wasser wahr, seine Bewegung, seine Anpassungsfähigkeit und seine Fähigkeit, Hindernisse zu umfließen, ohne seine Natur zu verlieren.

Und irgendwann müssen wir weder über das Ufer noch über das Wasser besonders viel nachdenken.

Der Fluss fließt.

Vielleicht ist Song etwas Ähnliches: ein Zustand, in dem Struktur und Durchlässigkeit keine Gegensätze mehr sind, in dem Aktivität vorhanden ist, ohne dass wir ständig eingreifen, und in dem wir nicht schlaff werden müssen, um weich zu sein, und nicht fest werden müssen, um getragen zu sein.

Dann wäre Song tatsächlich weniger ein „Loslassen“ als ein Seinlassen.

Und vielleicht beginnt genau dort ein Taiji, bei dem wir irgendwann nicht mehr fortwährend versuchen müssen, Taiji zu machen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass wir jetzt mit dem Üben aufhören können.

Schade eigentlich.