Oskar sitzt vor einer Parkbank auf einer sonnigen Wiese
← Zum Blog

Oskar, die Neunzehner und der Kaffee

Eine Morgenstunde im Park, eine kurze Form und ein Kaffee, der auf seiner Bank wartet.

Der Sommer geht langsam zu Ende, noch nicht so entschieden, dass man schon vom Herbst sprechen möchte, aber doch deutlich genug, dass die Morgen kühler geworden sind und die Luft eine andere Frische bekommen hat. Wenn ich früh mit Oskar durch den Park gehe, spüre ich inzwischen das nasse Gras zwischen den Zehen und unter den nackten Füßen, und vielleicht ist es gerade diese kleine Kühle, die einen daran erinnert, dass die Jahreszeiten ihre eigenen Formen laufen, ohne jemanden vorher um Erlaubnis zu fragen.

Oskar und ich gehen diesen Weg fast jeden Morgen. Er kennt die Stellen, an denen offenbar besonders wichtige Nachrichten für Hunde hinterlassen werden, und liest sie mit einer Gründlichkeit, die man sich bei manchen menschlichen Nachrichten wünschen würde. Während er also seine morgendliche Korrespondenz erledigt, beginnt um uns herum langsam der Tag. Fahrradfahrer ziehen vorbei, Jogger laufen ihre Runden, Eltern bringen ihre Kinder in den Kindergarten, andere Hundebesitzer gehen mit ihren Hunden durch den Park, und irgendwo hört man Stimmen, Schritte oder eine Autotür.

Trotzdem liegt über diesem Morgen eine eigentümliche Stille.

Es ist keine Stille, in der nichts geschieht. Im Gegenteil, eigentlich geschieht ziemlich viel. Vielleicht ist es eher eine Stille, die nichts davon stört, was geschieht. Der Park muss nicht ruhig werden, damit Ruhe entstehen kann.

Vielleicht hat diese Stille auch damit zu tun, dass es Morgen ist.

Wenn ich am Abend eine Form laufe, ist der ganze Tag noch in mir. Gespräche, Termine, Entscheidungen, kleine Ärgernisse, Eile, Gedanken, Dinge, die erledigt wurden, und Dinge, die noch auf Erledigung warten. Selbst wenn ich ruhig dastehe, scheint der Tag manchmal noch ein wenig weiterzulaufen. Die Bewegung trägt dann etwas von dieser Unruhe in sich, ist gebremster oder angespannter, als müsste sie sich erst durch all das hindurcharbeiten, was sich über Stunden im Körper gesammelt hat.

Am Morgen ist das anders.

Da ist noch etwas von der Nacht in mir.

Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, bevor Nachrichten, Gespräche und Aufgaben Besitz von der Aufmerksamkeit ergreifen, liegt eine andere Ruhe im Körper. Die Bewegung muss sich nicht erst ihren Weg durch den Tag bahnen. Sie beginnt näher an der Mitte.

Vielleicht ist es genau das, was ich an diesen frühen Formen so mag. Sie fühlen sich friedlicher an. Nicht schläfrig, sondern gesammelt. Die einzelnen Bewegungen stehen weniger nebeneinander, sondern entstehen stärker auseinander.

Ein leichter Wind zieht durch die Bäume, und irgendwann bleibe ich einfach stehen. Nicht weil ich mir vorgenommen hätte, jetzt Taiji zu üben, nicht weil mein Trainingsplan an dieser Stelle eine Handform vorsieht, sondern weil der Körper offenbar schon ein wenig früher weiß als der Kopf, wann es Zeit ist, nicht weiterzugehen.

Also stehe ich eine Weile und spüre, wie das Gewicht langsam nach unten sinkt, wie die Schultern ihren Platz finden und der Atem weiter wird. Es ist kein spektakulärer Moment, und wahrscheinlich würde ihn von außen niemand bemerken. Aber innen beginnt sich etwas zu ordnen. Die Mitte wird deutlicher, und irgendwann steht der Körper nicht mehr einfach nur da, sondern scheint sich um diese Mitte herum zu sammeln.

Dann beginnen die Hände sich zu bewegen.

Die Neunzehner-Form.

Eine kurze Form, die nicht viel Zeit braucht und offenbar auch keinen Trainingsraum. An diesem Morgen reichen ein Stück Wiese, feuchte Erde unter den Füßen, etwas Wind und ein Labradoodle.

Oskar schaut kurz zu mir herüber, als wolle er prüfen, ob ich die Sache im Griff habe, und legt sich dann einige Meter entfernt ins Gras. Dort liegt er ruhig und aufmerksam, und wenn man es großzügig auslegt, könnte man sagen, er bewacht mich während der Form.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er einfach beschlossen hat, dass für den Moment nichts Interessanteres zu tun ist.

Oder er bewacht den Kaffee.

Den habe ich nämlich zuvor auf einer Bank abgestellt.

Während ich mich bewege, merke ich, wie sehr diese morgendliche Ruhe auch die Form verändert. Wenn die Arme sich heben, heben sie sich nicht einfach allein. Der ganze Körper ist daran beteiligt. Wenn sie sinken, sinkt auch der Körper. Wenn eine Drehung entsteht, beginnt sie nicht irgendwo in den Händen, sondern tiefer, aus der Hüfte und aus der Mitte heraus.

Die Hüfte dreht sich, die Schultern folgen, und die Arme hängen an dieser Bewegung, nicht als etwas Eigenständiges, sondern als ihre Fortsetzung. Manchmal fühlt es sich fast an wie bei einer Peitsche, bei der der Impuls von innen nach außen läuft, ohne dass am Ende etwas extra getan werden müsste.

Gerade am Morgen wird das besonders deutlich.

Es gibt weniger einzelne Körperteile.

Mehr Ganzes.

Oder vielleicht genauer: weniger das Gefühl, dass Arme, Beine, Schultern und Hüfte verschiedene Dinge erledigen. Stattdessen entsteht eine Bewegung, die durch den ganzen Körper läuft und sich nur an verschiedenen Stellen zeigt.

Wenn sich die Mitte dreht, dreht sich der Mensch.

Die Arme sind dann nicht diejenigen, die etwas tun. Sie sind eher diejenigen, bei denen man am besten sehen kann, was weiter innen längst begonnen hat.

Vielleicht ist das einer dieser Momente, in denen Taiji sehr einfach wird.

Nicht leicht.

Aber einfach.

Während ich die Form laufe, kommen immer wieder Menschen vorbei. Manche schauen nur kurz herüber, andere etwas länger, und irgendwann sehe ich jemanden, der ein Foto macht. Später macht noch jemand eines. Ich weiß nicht, ob sie mich fotografieren, Oskar oder uns beide zusammen. Vielleicht wirkt ein Mann, der sich sehr langsam über eine Wiese bewegt, während daneben ein Hund im Gras liegt und auf einer Parkbank ein Kaffee wartet, einfach wie eine kleine Szene, bei der man nicht ganz sicher ist, ob sie geplant ist.

Sie ist es nicht.

Und vielleicht gefällt mir gerade das daran.

Die Bewegung geht weiter, die Hände steigen und sinken, das Gewicht wandert, die Hüfte dreht sich, der Oberkörper folgt und die Arme nehmen die Bewegung auf. Für eine Weile verliert sich die klare Grenze zwischen dem, was ich gerade übe, und dem, was ohnehin um mich herum geschieht. Der Wind bewegt die Blätter, irgendwo läuft jemand vorbei, Oskar hebt kurz den Kopf und legt ihn wieder ins Gras, während die Form weitergeht.

Nichts davon muss koordiniert werden.

Und trotzdem passt es irgendwie zusammen.

Am Ende schließen sich die Bewegungen wieder, und ich bleibe noch einen Augenblick stehen. Nicht lange, nur so lange, bis der Körper verstanden hat, dass die Form zu Ende ist, auch wenn etwas von ihr noch geblieben ist.

Dann steht Oskar auf.

Ich gehe zur Bank, nehme meinen Kaffee wieder in die Hand und wir setzen unseren Spaziergang fort. Um uns herum geht der Morgen weiter, mit Fahrrädern, Kindern, Hunden, Gesprächen und all den kleinen Wegen, die Menschen an einem gewöhnlichen Tag irgendwohin führen.

Eigentlich hat sich nichts verändert.

Und doch begleitet mich die Form noch eine Weile, nicht als Erinnerung an eine Übung, sondern eher wie der Geschmack des Kaffees, die Kühle des Grases unter den Füßen oder die Stille der Nacht, die noch nicht ganz verschwunden ist.

Vielleicht ist das irgendwann das Schönste am Taiji: wenn es nicht mehr darauf wartet, dass man Zeit zum Üben findet.

Wenn es zwischen Spaziergang und Hund, zwischen Parkbank und Kaffee auftaucht, ein paar Minuten mitgeht und anschließend wieder verschwindet.

Ohne Gong.

Ohne Räucherstäbchen.

Und ohne dass das Dao vorher einen Termin geschickt hätte.

Haiku

Nasses Gras unter den Füßen,noch ruht die Nacht in mir,Oskar wartet still.

Weitere Geschichten