
Form und Freiheit
Warum wir uns im Zen rechts herumdrehen – und was Mumons torlose Schranke über Freiheit und Form zu sagen hat.
Wer zum ersten Mal zum Zen kommt, stellt irgendwann Fragen wie diese:
Warum drehen wir uns eigentlich rechts herum?
Warum verbeugen wir uns auf eine bestimmte Art?
Warum werden die Hände genau so gehalten?
Warum gehen wir in dieser Reihenfolge?
Warum sitze ich aufrecht und fleze mich nicht einfach irgendwie hin?
Und warum überhaupt all diese Formen und Rituale, wenn Zen doch etwas mit Freiheit zu tun haben soll?
Das sind gute Fragen, denn auf den ersten Blick scheint darin tatsächlich ein Widerspruch zu liegen. Wir setzen uns hin, um frei zu werden und bekommen erst einmal erklärt, wo die Schuhe stehen sollen.
Willkommen im Zen.
Vor einigen Tagen bin ich an einem Text von Genpo Roshi, Dennis Merzel, hängen geblieben, mit dem ich viele Jahre praktiziert habe und mit dem ich noch heute in Verbindung stehe. Er bezieht sich darin auf eine alte Warnung des Zen-Meisters Mumon:
„Den Regeln und Vorschriften zu folgen heißt, sich selbst zu fesseln, ohne dass es überhaupt eines Seiles bedarf. Frei und ohne jede Beschränkung zu handeln, ist der Weg der Häretiker.“
Das klingt zunächst so, als könne man eigentlich nur verlieren. Halte ich mich an die Regeln, bin ich gefesselt.
Halte ich mich nicht an die Regeln, lande ich ebenfalls auf dem falschen Weg. Typisch Zen.
Wer ist eigentlich Mumon?
Mumon ist die japanische Lesung des Namens Wumen Huikai, eines chinesischen Chan-Meisters, der von 1183 bis 1260 lebte. 1228 stellte er eine Sammlung von 48 klassischen Zen-Fällen zusammen: das Wumenguan, japanisch Mumonkan. Im Deutschen wird der Titel meistens mit „Die torlose Schranke“ oder „Das torlose Tor“ übersetzt.
Schon der Titel ist schönes Zen:
Da ist ein Tor.
Und da ist kein Tor.
Wie willst du hindurchgehen?
Am Ende dieser Sammlung stehen die sogenannten „Zen-Warnungen“ Mumons. Sie sind nicht einfach zusätzliche Verhaltensregeln. Im Gegenteil: Fast jede dieser Warnungen nimmt etwas, woran wir uns gerade festhalten könnten, und zieht es uns wieder unter den Füßen weg. Auch diese beiden Sätze gehören zusammen:
Wenn du dich sklavisch an Regeln hältst, fesselst du dich selbst. Wenn du glaubst, Freiheit bedeute, einfach zu tun, was dir gerade gefällt, hast du Freiheit ebenfalls missverstanden. Verschiedene Übersetzungen geben diesen zweiten Pol als „heresy“, „devilry“ oder als „Weg der Außenseiter“ wieder. Das Wort „Häretiker“ klingt dabei ziemlich dramatisch. Man muss dabei nicht an jemanden denken, der wegen seines falschen Glaubens aus einer Kirche geworfen wird. Gemeint ist etwas viel Einfacheres:
Ich mache einfach, was ich will, und nenne das Freiheit.
Genau davor warnt Mumon, denn auch das kann eine Fessel sein. Genpo schreibt darüber aus der Perspektive eines mittlerweile über achtzigjährigen Zen-Lehrers. Er sagt sinngemäß:
Einen großen Teil meines Lebens habe ich Freiheit betont. Spontaneität. Nicht gebunden sein. Konventionen infrage stellen. Und erst jetzt sehe ich:
Auch an dem Bedürfnis, frei sein zu müssen, kann ich festhalten.
Das finde ich bemerkenswert. Vor allem, weil ich mich darin so sehr sehe. Normalerweise denken wir:
Festhalten bedeutet, an Regeln festzuhalten. Aber man kann genauso an Regelbruch festhalten. Man kann an Anpassung hängen. Und man kann an Rebellion hängen.
Man kann sagen:
„So macht man das eben.“, und genauso gefangen sein wie jemand, der sagt: „Mir sagt keiner, wie ich mich zu verbeugen habe.“ Beides kann unfrei sein.
Und damit sind wir wieder beim Rechtsherumdrehen.
Warum drehen wir uns also rechts herum? Die einfache Antwort lautet:
Weil wir uns darauf geeinigt haben, es so zu tun, nicht weil das Universum zusammenbricht, wenn jemand links herum geht. Nicht weil Buddha rechts herum gegangen wäre und seitdem jede Linksdrehung karmisch bedenklich wäre, sondern weil eine gemeinsame Form einen Raum schafft, in dem ich für einen Moment nicht ständig entscheiden muss:
Wie möchte ICH es machen?
Was gefällt MIR besser?
Was fühlt sich für MIR natürlicher an?
Unsere Form sagt:
Für diesen Moment machen wir es gemeinsam so. Und plötzlich entsteht etwas Interessantes: Ich kann mich beobachten. Vielleicht taucht Widerstand auf: „Warum muss ich das jetzt so machen?“
Sehr schön. Da ist er. Nicht wegmachen. Anschauen.
Vielleicht taucht der Wunsch auf, alles besonders korrekt zu machen: „War meine Verbeugung tief genug? Waren meine Hände richtig?“ – auch schön.
Da ist die andere Seite. Mumons erstes Seil.
Form als Gefäß.
Für mich ist Zen-Form deshalb weniger eine Vorschrift als ein Gefäß, oder daoistisch gesprochen: Ein Fluss braucht Ufer. Ohne Ufer wäre das Wasser nicht freier. Es wäre irgendwann nur noch eine große Pfütze. Die Ufer bestimmen nicht jeden Wassertropfen. Sie schaffen vielmehr den Raum, in dem der Fluss fließen kann. So kann auch eine Verbeugung funktionieren. So kann die Sitzhaltung funktionieren. So kann das gemeinsame Gehen funktionieren. So kann eine Klangschale funktionieren.
Die Form sagt nicht: „So musst du für immer sein.“
Sie sagt: „Für diesen Augenblick üben wir so.“
Und innerhalb dieser Form können wir entdecken, wie viel Festhalten wir mitbringen.
Natürlich ist die Form nicht wichtiger als der Mensch.
Wenn jemand wegen seiner Knie nicht auf einem Kissen sitzen kann, sitzt er auf einem Stuhl. Wenn der Körper eine bestimmte Bewegung nicht zulässt, finden wir eine andere Möglichkeit.
Form ist kein Fetisch.
Die Form dient der Praxis.
Nicht der Mensch der Form.
Auch darin liegt wieder Mumons Warnung: Wenn ich eine Zen-Regel so wichtig nehme, dass ich den Menschen vor mir nicht mehr sehe, habe ich mich bereits mit ihr gefesselt. Aber wenn ich jede Form sofort aufgebe, sobald sie mir unbequem wird, lerne ich möglicherweise nie kennen, wer da eigentlich gerade Widerstand leistet. Zwischen diesen beiden Seiten liegt die Praxis.
Vielleicht ist Freiheit etwas anderes.
Vielleicht bedeutet Freiheit nicht: Ich darf tun, was ich will.
Vielleicht bedeutet Freiheit: Ich muss nicht mehr jedem Impuls folgen, der in mir auftaucht.
Dann kann ich mich rechts herumdrehen, ohne mich unfrei zu fühlen. Oder irgendwann vielleicht links herum, ohne daraus eine Revolution machen zu müssen. Ich kann mich verbeugen, ohne mich klein zu machen. Ich kann eine Form einnehmen, ohne in ihr gefangen zu sein. Ich kann eine Regel befolgen, ohne ihr zu gehören und ich kann sie infrage stellen, ohne automatisch gegen sie kämpfen zu müssen.
Vielleicht ist das die Freiheit, von der Genpo spricht.
Nicht Freiheit von jeder Bindung. Sondern Freiheit innerhalb von Form, Verantwortung und Beziehung.
Nach zweiundachtzig Jahren, schreibt Genpo Roshi sinngemäß, dass er noch Dinge sieht, die die ganze Zeit direkt vor ihm lagen. Das gefällt mir vielleicht am meisten an seinem Text.
Denn vielleicht ist auch das Zen: Nicht irgendwann alles verstanden zu haben. Sondern immer wieder zu entdecken, woran man gerade hängt. Selbst wenn das, woran man hängt, die eigene Vorstellung von Freiheit ist.
;-)