
Der Wasserkocher und die stehende Säule
Eine kleine Geschichte darüber, wie Taiji manchmal dort beginnt, wo wir gar nicht üben wollten.
Heute in der Teeküche.
Ich stehe vor dem Wasserkocher und schaue ihm beim Wasserkochen zu.
Das kann er gut. Vielleicht sogar besser als alles andere.
Eigentlich könnte ich noch schnell irgendetwas erledigen. Eine Nachricht schreiben. Etwas holen. Irgendetwas Sinnvolles tun.
Aber ich habe das Gefühl: Ach, das lohnt sich jetzt auch nicht mehr.
Also bleibe ich stehen.
Und während der Wasserkocher seinen besten Job macht, macht mein Geist seinen: Er denkt.
Dies und das taucht auf. Ein Gedanke kommt, ein anderer geht. Nichts Besonderes. Dieses merkwürdige Treiben im Kopf, das offensichtlich auch dann nicht aufhört, wenn man nur auf heißes Wasser wartet.
Und dann ist da plötzlich etwas anderes.
Eine Wahrnehmung.
Oder war es zuerst ein Gedanke?
Keine Ahnung.
Es ist einfach da:
Wie stehst du eigentlich?
Ich schaue gewissermaßen nach innen.
Und tatsächlich: Ich stehe auf einem Bein. Das andere ist entlastet. Hüfte etwas herausgeschoben. Eine wunderbare Haltung, wenn man an einer Bushaltestelle wartet.
Für die stehende Säule eher weniger.
Fast automatisch stelle ich beide Füße auf den Boden.
Das Gewicht kommt zurück in die Mitte.
Die Knie werden weich.
Das Becken löst sich.
Der Scheitel richtet sich ein wenig nach oben.
Die Schultern dürfen sinken.
Und plötzlich stehe ich da.
Mitten in der Teeküche.
In der stehenden Säule.
Kein Gong.
Kein Trainingsraum.
Keine Räucherstäbchen.
Nicht einmal besonders viel Platz.
Nur ich, ein Wasserkocher und vielleicht noch irgendeine Tasse mit der Aufschrift „Best Dad“.
Dann bemerke ich meine Hände.
In einer halte ich meine Brille und spiele damit herum.
Drehen. Fassen. Umgreifen.
Offenbar möchte selbst die Hand beschäftigt sein, wenn sonst gerade nichts geschieht.
Also lege ich die Brille auf die Arbeitsplatte.
Die Arme sinken.
Die Hände lösen sich.
Und mit ihnen scheint noch etwas anderes zu sinken.
Der Geist wird ruhiger.
Nicht spektakulär.
Keine Erleuchtung zwischen Kaffeemaschine und Spülbecken.
Nur ein wenig mehr Stille.
Ich stehe.
Der Wasserkocher kocht.
Mehr muss gerade nicht geschehen.
Vielleicht ist das das Merkwürdige an solchen Momenten: Wir suchen manchmal nach Gelegenheiten zum Üben, als müssten wir dafür erst einen besonderen Raum betreten.
Dabei steht das Dao offenbar auch in der Teeküche.
Es wartet nicht darauf, dass wir Zeit haben.
Es wartet auch nicht darauf, dass wir bereit sind.
Manchmal fragt es einfach:
Wie stehst du eigentlich?
Und wenn man diese Frage hört, reicht vielleicht ein einziger Augenblick.
Beide Füße auf den Boden.
Die Mitte finden.
Die Hände loslassen.
Nichts hinzufügen.
Dann:
Klack.
Der Wasserkocher schaltet sich aus.
Die stehende Säule ist beendet.
Zeit für Tee.